(NGZ) Bei RWE fällt vieles eine Nummer größer aus. So auch die Maulschlüssel, mit denen am Montag auf dem Kirmesplatz in Allrath symbolträchtig zwei Pipeline-Röhren aneinandergeflanscht wurden: Unternehmensvertreter und Politiker mussten zum Baustart für das Verteilbauwerk vor den Augen von rund 80 Besuchern kräftig zupacken, um die vier Zentimeter dicken Muttern mit dem XXL-Werkzeug festzuziehen. Die blauen Röhren, auf denen sich die Dorfbewohner später mit Autogrammen verewigen durften, sollen eines Tages im Verteilbauwerk ausgestellt werden.
Thomas Körber, Vorstandsmitglied von RWE Power, erklärte gleich zu Beginn des Festakts, dass das Bauwerk natürlich nicht auf dem Kirmesplatz errichtet wird. Das Areal an der Bongarder Straße war vielmehr aus logistischen Gründen für die Feierstunde gewählt worden. Die Baustelle für das Verteilbauwerk, das Körber als ein Herzstück der Rheinwasser-Transportleitung bezeichnete, wird derzeit am Ortsrand eingerichtet: Auf einem Acker nahe der Kohlebahngleise ist ein erster Bagger zu sehen.
Die Arbeiten sollen in wenigen Tagen Fahrt aufnehmen, konkret in den Sommerferien. In einem ersten Schritt wird laut RWE die Zufahrt zur Baustelle eingerichtet, und zwar in Form einer Baustraße, die parallel zu den Gleisen verlaufen soll. Um das Baufeld auch an Versorgungskanäle anschließen zu können, muss die K31 zwischen der Straße „An der Halde“ und der Bahnunterführung für die Zeit vom 20. Juli bis voraussichtlich 1. September für den Verkehr gesperrt werden. Um die Beeinträchtigungen möglichst gering zu halten, wurden die Arbeiten in die Ferien gelegt.
Allgemein soll das 1800-Einwohner-Dorf so wenig wie möglich von den Bautätigkeiten mitbekommen. Auch der Baustellenverkehr soll nicht durch den Ort, sondern über die L375 geleitet werden. Thomas Körber versprach den Allrathern beim Festakt, dass RWE Power weiterhin den Dialog mit Bürgern pflegen und ansprechbar sein will. Das ist auch Cathrin Hassels von der Dorfgemeinschaft „Allrath aktiv“ wichtig, die gemeinsam mit RWE zum Festakt geladen hatte. „Ich wünsche mir, dass Offenheit und Transparenz bleiben“, sagte die Vorsitzende der Gemeinschaft, die früh auch Kontakt mit RWE geknüpft hatte. Die Bürger im Ort sehen sich gut im Bilde – dank Infoveranstaltungen und dank der Tatsache, dass RWE dem Wunsch auch nach einer Glasfassade für das Verteilbauwerk entspricht. Durch das Glas sollen Interessierte künftig einen Blick ins Innere des Bauwerks werfen können.
Zu sehen sein wird im Keller des L-förmigen Gebäudes (fünf bis sechs Meter tief) wohl jede Menge Technik. Pumpen sollen das Rheinwasser, das dort hineinströmt, weiterleiten nach Garzweiler und zu den Wasserwerken, über die die Feuchtgebiete in der Region Schwalm-Nette versorgt werden. Wie RWE-Projektleiter Karsten Waschke sagt, sollen dort vier Aggregate arbeiten, die bis zu einem Kubikmeter Wasser pro Sekunde bewegen können.
In erster Linie aber soll das Bauwerk für die Verteilung des Wassers zuständig sein, nämlich hin zu den künftigen Seen. Um das Wasser von Allrath nach Hambach zu leiten, werden keine weiteren Pumpen nötig sein. Wie Waschke erklärt, bringen die 18 Pumpen, die direkt am Rhein bei Dormagen installiert werden, so viel Power, dass es die letzten 19 Kilometer von Allrath bis Hambach ohne weitere Beschleunigung fließen kann. Die Pumpen in Richtung Garzweiler hingegen sind wegen des Höhenunterschieds im Gelände notwendig.
Vom späteren Betrieb sollen die Allrather nicht viel mitbekommen, auch Geräusche sollen nicht zu hören sein. Das Verteilbauwerk selbst (Seitenlängen: 50 und 62 Meter; Höhe: sieben Meter) soll sich gut in die Landschaft einfügen, verklinkert und begrünt werden. Das Dach soll zudem mit einer Solaranlage ausgestattet werden. Karsten Waschke geht davon aus, dass noch in diesem Jahr mit dem Aushub der Baugrube begonnen werden kann.
Als Standort für den Rheinwasser-Verteiler kommt Allrath bei dem fast eine Milliarde Euro teuren Pipeline-Projekt große Bedeutung zu. Bürgermeister Klaus Krützen bezeichnete Allrath als „zentralen Knotenpunkt“ für die Rheinwasser-Transportleitung. Grevenbroich nehme eine Schlüsselrolle im Strukturwandel der Region ein. Landrätin Katharina Reinhold sprach beim Festakt von „einem wichtigen Tag für den Rhein-Kreis Neuss“: Durch den Baustart komme man weg von etwas Abstraktem. Reinhold begrüßte ausdrücklich, dass das Bauwerk eine transparente Fassade erhalten soll. Damit das Mammutprojekt überhaupt realisiert werden kann, sei in den vergangenen Monaten auf unterschiedlichen Ebenen viel Arbeit geleistet worden. Die Landrätin blickte auch auf kommende Woche Donnerstag: Dann soll mit einem symbolischen Spatenstich auch der Baustart für die Pumpstation bei Dormagen-Rheinfeld gefeiert werden.
Gerade dort war das Projekt anfangs auf Protest gestoßen. Kritik gibt es auch von Umweltschützern, die skeptisch auf die Wasserqualität des Rheins blicken und bezweifeln, dass der Fluss künftig überhaupt noch so viel Wasser führt, dass man ihm die benötigten Mengen entnehmen kann (es sollen zwischen 1,8 und 18 Kubikmeter pro Sekunde sein). RWE hält dagegen, verweist stets auf Untersuchungen, nach denen der Rhein ausreichend Wasser in Menge und Qualität für die Befüllung der Seen zur Verfügung stellen kann. Die Bezirksregierung Arnsberg hatte den Rahmenbetriebsplan für die Rheinwasser-Pipeline Ende Januar zugelassen.