(NGZ) Der Rhein führt derzeit Niedrigwasser. Einschlägigen Wetterdiensten zufolge liegt der aktuelle Pegel in Düsseldorf bei 85 Zentimetern, der mittlere Wasserstand indes liegt bei 255 Zentimetern. Für die Schifffahrt ist der Rhein bei dem Stand weiterhin befahrbar. Aber wie schaut es mit der Rheinwasser-Transportleitung aus, die in der Region über die nächsten Jahrzehnte hinweg ab 2030 zunächst den Tagebau Hambach fluten soll? Sechs Jahre später geht es im nächsten Schritt um die Verfüllung des 22 Millionen Quadratmeter großen Garzweiler Sees. RWE erklärt, dass der Fluss ausreichend Wasser für die Befüllung der Seen bereitstellen kann.
Das Großprojekt nimmt zunehmend Gestalt an. Am Montag, 6. Juli, 16 Uhr, werden die Bauarbeiten des Verteilerbauwerks in Allrath feierlich gestartet. RWE und die Dorfgemeinschaft „Allrath aktiv“ laden in diesem Rahmen zu einem Festakt. Ort ist die Grillhütte am Kirmesplatz Bongarder Straße. Dort werden auch die Pläne für das bis zu 62 Meter lange, L-förmige Verteilbauwerk gezeigt. Es soll zwischen Allrath und den Gleisen der Kohlebahn entstehen. Von dort aus wird das Rheinwasser künftig in Richtung der Tagebaue Hambach und Garzweiler gepumpt.
Der Garzweiler See soll einmal 2215 Hektar groß und bis zu 170 Meter tief werden, 1,5 Milliarden Kubikmeter Wasser fassen und zwischen den Jahren 2070 und 2100 vollständig gefüllt sein. Bei einem NGZ-Leser regt sich angesichts des derzeit niedrigen Rheinpegels aber Skepsis, ob überhaupt Wasser entnommen werden kann. Ein anderer Leser wiederum fragt, warum nicht alles viel schneller geht, da die Leitungen bei einem Durchmesser von 2,20 Metern doch genügend Wasser durchfließen lassen könnten. Es gibt sogar Berechnungen, nach denen die Verfüllung lediglich 2,64 Jahre dauern würde, wenn 18 Kubikmeter in der Sekunde durch die Pipelines strömen.
Doch RWE rechnet anders. „Der Bau der Rheinwassertransportleitung dient nicht alleine der Befüllung des Tagebaus Garzweiler“, erklärt Unternehmenssprecher Simon Lorenz. „Die Leitung ist ein zentrales Infrastrukturprojekt für die Rekultivierung und den Strukturwandel im Rheinischen Revier. Nach dem Ende der Braunkohlenförderung ermöglicht die 45 Kilometer lange Leitung die Befüllung des Garzweiler Sees und des Hambacher Sees, die Versorgung umliegender Feuchtgebiete sowie die langfristige Stabilisierung der Grundwasserverhältnisse in der Region.“
Niedrigstände wie sie gegenwärtig am Rhein zu sehen sind, seien bei der Planung berücksichtigt worden. „Die Entnahmemenge des Rheinwassers wird auch unterschiedliche Wasserstände berücksichtigen, sodass bei einem niedrigen Wasserpegel auch nur sehr geringe Mengen zur unterbrechungsfreien Versorgung von Feuchtgebieten entnommen werden“, erklärt Lorenz. Damit fließe nicht konstant die gleiche Wassermenge durch die Rohre.
Es braucht also viel Zeit, in der das Wasser aus dem Rhein in die Seen fließt. Führe der Rhein Niedrigwasser, erklärt der RWE-Sprecher, würden höchstens 1,8 Kubikmeter Wasser pro Sekunde entnommen. „Damit wird sichergestellt, dass die maximale Pegelabsenkung im Rhein auf 0,4 Zentimeter begrenzt wird.“ Führe der Rhein normal Wasser, könnten tatsächlich bis zu 18 Kubikmeter pro Sekunde in die Rheinwassertransportleitung fließen. Lorenz: „Dieses mit den zuständigen Behörden und der Schifffahrt abgestimmte Konzept stellt sicher, dass aus dem Rhein weniger als ein Prozent des jeweiligen Rheinwasserabflusses übergeleitet wird.“ Experten hätten klar bestätigt, dass Deutschlands größter Strom über das ganze Jahr und über den langen Zeitraum hinweg ausreichend Wasser führe.
Bis zum Jahr 2070 werde der Zielwasserspiegel des Sees erreicht sein. Der Grundwasserhaushalt im Rheinischen Revier werde sich bis zum Ende des Jahrhunderts zu einem stabilen und selbstregulierenden System entwickeln. „Sind die Seen voll, nimmt die Menge des benötigten Rheinwassers deutlich ab“, sagt Lorenz. „Dann sind nur noch geringe Mengen erforderlich, um über einen begrenzten Zeitraum Versickerungsverluste auszugleichen.“