(NGZ) Vor rund zwei Wochen fiel der Startschuss: Verwaltungschefs aus der Tagebau-Region und Vertreter von RWE markierten symbolisch den Baubeginn der Rheinwasser-Transportleitung in der Nähe des Tagebaus Hambach. In den kommenden Monaten werden die Arbeiten nicht nur im Rhein-Erft-Kreis, sondern auch in Dormagen beginnen – und in Allrath. Noch in diesem Jahr soll am Rand des Grevenbroicher Ortsteils der Bau eines Verteilbauwerks starten. Dort sollen die drei jeweils 2,20 Meter starken Leitungen mit Rheinwasser eintreffen, das anschließend zu den Tagebauen gepumpt wird. Während Betreiber und Politiker das Projekt als Chance für den Strukturwandel sehen, äußern Umweltschützer kritisch Bedenken.
„Selbstverständlich vertreten wir die Auffassung, dass Wasser in die Tagebauseen fließen muss“, betont Henning Walther vom BUND Grevenbroich. Gleichzeitig bereitet ihm Sorge, dass das Wasser Chemikalien enthalten könnte, deren Auswirkungen bislang nicht vollständig untersucht wurden. „Der Rhein ist als stark genutzter Fluss mit Mikroplastik, Schwermetallen und industriellen Einträgen belastet“, fügt Walther hinzu. Dabei dürfe man auch nicht vergessen, dass bei dem Vorhaben ein Fließgewässer in ein Stillgewässer gepumpt wird – das bedeutet konkret, dass das Wasser nicht wie im Rhein weiterfließt, sondern sich aufstaut. Nach Ansicht der Umweltschützer fehlen Filter- oder Aufbereitungsanlagen, die diese Stoffe vollständig entfernen könnten.
RWE verweist auf umfangreiche Gutachten und wasserwirtschaftliche Untersuchungen, die für die Befüllung der Seen durchgeführt wurden. „Diese bestätigen, dass sich die Tagebauseen mit dem eingeleiteten Rheinwasser zu ökologisch wertvollen Klarwasserseen entwickeln“, sagt eine Sprecherin des Unternehmens. Während der Befüllung werde die Wasserqualität kontinuierlich überwacht – gemeinsam mit Behörden, Wasserverbänden und unabhängigen Experten.
Für den BUND reicht die Erklärung nicht aus. „Hunderte der eingesetzten Chemikalien sind nicht in der Grundwasserverordnung aufgeführt. Wir wissen also zum Großteil nicht einmal, wie diese Stoffe wirken“, sagt Walther. Damit kritisiert er, dass die aktuelle Überwachung zwar bekannte Schadstoffe erfasst, viele der eingesetzten Stoffe aber wissenschaftlich nur unzureichend untersucht sind.
Das betrifft auch das Trinkwasser: Denn ein Großteil davon wird aus Grundwasser gewonnen. Gelangen unbekannte oder nicht regulierte Chemikalien dorthin, könnten sie langfristig auch im Trinkwasser landen. „Konkrete Lösungsansätze haben auch wir bisher nicht, aber es ist wichtig, auf diese mögliche Gefährdung hinzuweisen“, sagt Walther. Der BUND merkt zudem an, dass Risiken, offene Fragen und mögliche Folgekosten bislang kaum öffentlich thematisiert worden seien. „Viele Bürger wissen nicht, welche Auswirkungen der Bau des Verteilbauwerks bei Allrath hat – von der Erdbewegung über den Lkw-Verkehr bis hin zum Umgang mit dem ausgehobenen Material.“
RWE betont hingegen, dass das Unternehmen auf umfassende und transparente Kommunikation setze. „Über unsere Projektwebseite und Broschüren stellen wir zahlreiche Daten, Fakten und Hintergrundinformationen bereit. Außerdem haben wir Bürgerinformationsveranstaltungen angeboten, bei denen Interessierte ihre Fragen direkt stellen konnten“, so die Sprecherin. Beim symbolischen Spatenstich unterzeichnete auch Philipp Bolz, stellvertretender Bürgermeister der Stadt Grevenbroich, eine der großen Rohrleitungen. Bolz, selbst aus Allrath, hob die Bedeutung des Projekts für die Anwohner hervor und kündigte an, dass es weitere Bürger-Infos geben werde.
Nach Einschätzung des BUND wird die Pipeline Auswirkungen über den Rhein-Kreis Neuss hinaus haben, etwa auf den Kreis Heinsberg, die Stadt Mönchengladbach und das Naturschutzgebiet Schwalm-Nette. RWE erklärt dazu, dass die Wasserversorgung der Feuchtgebiete nördlich des Tagebaus Garzweiler auch nach Beendigung des Betriebs gesichert bleibe. Ein seit über 30 Jahren betriebenes Versickerungs- und Anreicherungssystem versorge die Gebiete zuverlässig, künftig werde es durch Wasser aus der Rheinwassertransportleitung ergänzt. „Mit der Befüllung des Garzweiler Sees wird die Menge des Versickerungswassers schrittweise reduziert, bis ein normalisierter, selbsttragender Grundwasserhaushalt erreicht ist“, sagt eine Unternehmenssprecherin von RWE. Auch dieses Vorgehen werde in den Genehmigungsverfahren von Behörden und Fachgutachtern intensiv geprüft.