(NGZ) In seiner Ansprache beim Barbaraempfang auf Schloss Paffendorf ist der Vorstandsvorsitzende von RWE Power auch auf das Mammutprojekt der kommenden Jahre eingegangen: auf den Bau der Rheinwasser-Transportleitung. Durch das 45 Kilometer lange Röhrensystem soll schon in fünf Jahren Wasser aus dem Rhein strömen, mit dem dann über Jahrzehnte die Tagebaue Hambach und Garzweiler befüllt werden sollen. RWE-Power-Chef Frank Weigand rechnet damit, dass die Genehmigung für das Projekt in Kürze vorliegen wird. Dafür, dass die Pipeline bei der zuständigen Bezirksregierung Arnsberg nicht „mal eben so“ durchgewunken werden kann, äußerte Weigand Verständnis – schließlich soll allein die Genehmigung mehrere Tausend Seiten umfassen.
RWE ist gut vorbereitet. Unmittelbar nachdem die Behörde ihr „Go“ gegeben hat, können die Arbeiten beginnen: An der Wasser-Entnahmestelle bei Rhein-Kilometer 712,6 nahe Dormagen, am Tagebau Hambach – und ab Sommer 2026 auch in Allrath, wo ein großes Verteilbauwerk entstehen soll. Dort wird das Rheinwasser, das durch drei jeweils 2,20 Meter breite Rohre schießt, später auf die Tagebaue Hambach und Garzweiler aufgesplittet. Vorrang bei der Befüllung hat der Tagebau Hambach, die Grube soll bereits ab 2030 geflutet werden. In Garzweiler soll sechs Jahre später das erste Wasser in die Tiefe rauschen.
Zentrallager in Neurath fast vollständig gefüllt
Das Projekt birgt gewaltige logistische Herausforderungen. Um zwei beziehungsweise drei parallel verlaufende Pipeline-Stränge auf einer Länge von 45 Kilometern in den Boden legen zu können, braucht es 9120 Stahlröhren, die aus der Türkei importiert werden. Die Röhren sind jeweils zwölf Meter lang und 15 Tonnen schwer. Wie RWE-Sprecher Simon Lorenz sagt, ist das Röhren-Lager am Kraftwerk Neurath inzwischen gut gefüllt. Dort sind seit November 2024 auf dem Schienenweg rund 3500 Rohre angekommen. „Das Zentrallager in Neurath bietet Platz für insgesamt 3800 Rohre und wird bis Ende Januar vollständig belegt sein“, sagt Lorenz: „Im Zuge der fortschreitenden Bauarbeiten werden dann ab Mitte 2027 wieder neue Rohre eingelagert.“ Einen weiteren Lagerort gibt es nahe Niederaußem auf dem Gelände des Ex-Tagebaus Fortuna, dort liegen aktuell etwa 1700 Rohre.
Den Zuschlag zur Herstellung der Röhren hatte der türkische Stahlproduzent Tosyali erhalten – ein Millionenauftrag. Die Röhren werden über das Mittelmeer und die Nordsee mit Frachtschiffen um halb Europa transportiert, um nahe Bremen auf speziell präparierte Güterwaggons verladen zu werden, die dann (dank Gleisanschluss) direkt aufs RWE-Gelände im Rheinischen Revier rollen. Dort kommt Technik zum Einsatz, die eigentlich für das Heben von Seecontainern konzipiert ist. Die Fahrzeuge, mit denen die Röhren gestapelt werden, verfügen allerdings nicht über herkömmliche Greifarme, sondern sind mit einer Art Saugnapf ausgestattet. Letzterer erzeugt ein derart starkes Vakuum, dass die tonnenschweren Röhren daran haften.
Erste Arbeiten in Allrath für Sommer 2026 geplant
Zuerst werden die Röhren nahe dem Tagebau Hambach in die Erde gebracht. 2026 soll zudem der Bau des Entnahme- und Pumpbauwerks am Rhein bei Dormagen-Rheinfeld beginnen. Allrath steht ebenfalls auf dem Zettel. Wie Unternehmenssprecher Lorenz ausführt, sollen die ersten Baumaßnahmen am Fuße der Vollrather Höhe im Sommer 2026 beginnen, der Rohbau für das L-förmige Verteilbauwerk folgt dann zu Beginn des Jahres 2027. „Die Bauzeit beträgt etwa drei Jahre.“ Das Gebäude ist 50 Meter breit und hat eine Seitenlänge von 50 beziehungsweise 62 Metern, die Höhe wird mit sieben Metern angegeben.
Mit Erdwällen und Begrünung soll das Verteilbauwerk in die Landschaft integriert werden, wie es heißt. Auch soll es mit einer Fotovoltaik-Anlage ausgestattet werden. Und: RWE möchte dem Wunsch nach einer Glasfassade gerecht werden. Die war von den Dorfbewohnern angeregt worden – die großen Fenster sollen Besuchern einen Blick ins Gebäude ermöglichen. In Allrath war schon im Sommer 2023 ausgiebig über das Bauwerk diskutiert worden , das rund 500 Meter südlich des Dorfs entstehen soll.
Rheinwasser-Pipeline ist nicht unumstritten
Das Projekt Rheinwasser-Transportleitung ist für RWE mit einer Investition in dreistelliger Millionenhöhe verbunden. Der Trassenverlauf war bereits im Oktober 2023 genehmigt worden . Verlegt werden die Röhren zumeist in offener Bauweise, die Baustelle soll durch die Region wandern. Grundstückseigentümer und -nutzer (zumeist Landwirte) sollen entschädigt werden. Das Projekt ist durchaus umstritten: Kritik kommt vor allem aus Dormagen, aber auch von Umweltschützern – wegen der Menge von bis zu 18 Kubikmetern Wasser pro Sekunde, die dem Fluss entnommen werden sollen, aber auch wegen Bedenken hinsichtlich der Wasserqualität.
Wie der Energiekonzern auf Anfrage mitteilt, hätten konkrete Voruntersuchungen gezeigt, „dass der Rhein ausreichend Wasser in Menge und Qualität für die Befüllung der Seen bereitstellen kann“. Aktuelle Gutachten würden bestätigen, dass sich die Tagebauseen mit dem eingeleiteten Rheinwasser „zu ökologisch wertvollen Klarwasserseen“ entwickeln werden. Eine Aufbereitung des Rheinwassers für diesen Zweck sei nicht erforderlich. Sollte es mal zu einem Zwischenfall kommen, in dessen Folge das Wasser im Fluss belastet wird, könnten die Pumpen sofort abgeschaltet werden, um eine Einleitung ins Tagebaugebiet zu verhindern.
Garzweiler See soll bis zu 165 Meter tief sein
Der Garzweiler See, der aus Grevenbroicher Sicht fast vor der Haustür entsteht, soll nach etwa 40 Jahren vollständig befüllt und dann einer der größten bundesweit sein. Dafür sind mehrere Milliarden Kubikmeter Wasser nötig. Die Seefläche gibt RWE mit 2200 Hektar an, die Uferlänge soll etwa 20 Kilometer betragen. An seiner tiefsten Stelle soll der See bis zu 165 Meter messen. Nötig ist der See nicht bloß, um die Braunkohle-Grube zu füllen: Es geht auch um die Stabilisierung des Grundwasserhaushalts in der gesamten Region, der durch die jahrzehntelange Braunkohleförderung beeinträchtigt ist.